Irlandreise mit der "John Mitchell" im November 2008

 

Mein Schiff dieser Reise

Es regnet an diesem nebligen Novembertag und schon sehr früh ist es dunkel - gar nicht so einfach war es dieses Mal, an Bord zu kommen. Nach ausgiebigem Stop- und Go-Verkehr auf der teilweise vierspurig ausgebauten Autobahn von Utrecht nach Rotterdam versuche ich erst einmal, von einer Autobahnraststätte die „John Mitchell“ zu erreichen, das Containerschiff der Hamburger Reederei Wieczorek, mit dem ich zu ungastlicher Jahreszeit eine Woche nach Irland reisen möchte.
An die Leitung bekomme ich den russischen Second Mate, der mir aber über den Liegeplatz in den nächsten Stunden keine konkrete Auskunft geben kann – „perhaps one or two hours at this terminal – I dont´t know exactly“.
So quetsche ich mich erst einmal im Feierabendverkehr in die Rotterdamer City hinein und suche im Sint Jobsweg nahe des Delfshaven das Büro der „Immigration Office“ auf, der Fremdenpolizei, bei der sich jeder Frachterpassagier, der nicht aus Beneluxländern stammt melden und registrieren lassen muss.
Der freundliche Beamte wickelt diese erste „behördliche Einschiffung“ routiniert ab, dann überlege ich, was zu tun ist. Da meine „John Mitchell“ immer noch weit draußen am Europoort liegt, beschließe ich jetzt, dem Schiff entgegen zu fahren und nicht das Verholen in den Prinses-Beatrixhaven abzuwarten, wer weiß, wann das passiert. Ein guter Stützpunkt zum Einschiffen im Bereich Europoort ist das Örtchen Brielle, von dort sind es nur ca. 10 Minuten zu den Terminals.
 
Als ich den angegebenen Liegeplatz schließlich erreiche, liegt das Schiff zunächst noch an einem Warteplatz.
Drei dunkelhäutige Crewmitglieder sehen zu mir herunter, eine Gangway wird nicht ausgebracht und einer der afrikanischen Decksleute weist mich höflich an, an der Seite direkt an Bord zu klettern. Das funktioniert auch problemlos, denn das Schiff hat nicht viel Freibord, das Hauptdeck liegt fast auf Höhe der Pier. Zwei hilfsbereite Besatzungsmitglieder schnappen meine Taschen und geleiten mich aufs B-Deck zu meiner kleinen Einzelkabine – 00.30 Uhr ist es mittlerweile und erleichtert mache ich die Tür hinter mir zu.
Als ich am nächsten Morgen aus dem Fenster schaue, hat sich der Ausblick geändert, in der Nacht hat die „John Mitchell“ zum Terminal verholt und die Ladearbeiten sind bereits in vollem Gang.
Eine erfreuliche Besonderheit auf diesem Schiff sind die Frühstückszeiten, entgegen allen anderen Gewohnheiten auf Frachtern kann man hier bis 9.30 frühstücken, für einen Passagier natürlich doppelt angenehm. So lasse ich mir auch Zeit, als ich am nächsten Morgen die Messe aufsuche und freundlich vom ghanaischen Koch auf meinen Platz „eingewiesen“ werde.
Später begrüßt mich der Kapitän und teilt mir freundlich mit, dass ich mich jederzeit auf der Brücke aufhalten kann, sogar ein Extra-Fernglas für Passagiere gibt es…
Kurz nach 11 Uhr sind die Ladearbeiten beendet, der Lotse kommt an Bord und langsam biegt die „John Mitchell“ in den Nieuwe Waterweg ein.
Die Sonne lacht vom blauen und wolkenlosen Himmel und vom Brückendeck hat man einen herrlichen Weitblick über den Rotterdamer Hafen. Fast windstill ist es, ich glaube es kaum, zumal der Kalender Samstag, den 08. November zeigt. Wenig Verkehr herrscht heute, nur zwei Containerfeeder und ein kleinerer Tanker kommen uns auf dem kurzen Weg zur Nordsee entgegen.
Im Englischen Kanal ändert sich das Wetter kaum. Fast den ganzen Nachmittag stehe ich an Deck, beobachte den Schiffsverkehr, die „John Mitchell“ schüttelt sich nur leicht, von Schiffsbewegungen kann eigentlich keine Rede sein.
In der Offiziersmesse herrscht eine gelöste Stimmung, als ich zum Abendessen erscheine, sitzt unser Kapitän bereits in der Messe und verspeist seine Spaghetti. Der aus Ghana stammende Koch hat sich gerade mal verkrümelt, was den Master dazu bewegt, mit Stentorstimme (aber leicht schmunzelnd) zu rufen „Cookie, the passenger is already here!“.
 
 
 
Auslaufen aus Rotterdam
 
Kurze Zeit später steht der Maitre de Cuisine breit grinsend in der Tür und serviert mir auch eine Portion des typischen italienischen Nudelgerichtes. Grimassenschneidend deutet er auf unseren Kapitän, was diesen nicht im Geringsten stört und für mich auf ein scheinbar gutes Bordklima hindeutet.
Später teilt er mir dann noch ganz nebenbei mit, dass sich um Mitternacht das Wetter ändern soll, aber ich denke nicht groß darüber nach.
 
Abends sitze ich gut gelaunt in meiner Kammer und nehme die leichten Rollbewegungen des Schiffes kaum wahr, die eigentlich normal sind und in dieser Form sogar noch sehr angenehm.
Als ich dann gegen 2 Uhr nachts aufwache, muss ich mich erst orientieren – was ist denn nun los? Merklich zugenommen haben die Schiffsbewegungen, ich steige aus der Koje und versuche, durch mein nach vorne liegendes Fenster einen Blick in die Dunkelheit zu erhaschen. Doch dann merke ich, dass es gar nicht mehr so einfach ist, von der Koje zum Fenster zu kommen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren…einem Fahrstuhl gleich hebt und senkt sich der Bug unseres 4000-Tonners und nachdem ich mich um den Tisch herumgehangelt habe, sehe ich draußen nur weiße Gischtkaskaden über unsere zwei Lagen Container sprühen, viel Ladung haben wir auf dieser Reise auch nicht.
 
Noch frohen Mutes steige ich wieder in Koje und schlafe ein…am nächsten Morgen muss ich allerdings für das Anziehen, Waschen und Rasieren fast 45 Minuten einkalkulieren…als ich es endlich geschafft habe, bin ich so fertig, dass ich keine Lust mehr habe, in die Messe herunterzugehen. Es wäre für einen an schwere Seen nicht gewöhnten Passagier wohl auch ein recht gefährliches Unternehmen geworden, sich durch das enge Treppenhaus dort herunterzuhangeln…ich gebe zu, dass es mir zu riskant erschien und ich deshalb auch auf das Mittagessen verzichtete und stattdessen Kekse und Wasser zu mir nahm. Ehrlich gesagt, ist mir (trotz relativer) Seefestigkeit auch der Appetit bei diesen Schiffsbewegungen doch vergangen.
 
Die „John Mitchell“ kämpft sich nun mit reduzierter Fahrt gegen die immer höher werdenden Wellen, die ungebremst aus dem Atlantik heranrollen. Fast sechs Meter sind sie hoch, der Wind erreicht volle Sturmstärke und die Bewegungen werden zusehends unkontrollierter.
Als dann ein aus massivem Holz gefertigter Stuhl sich von selbst in Bewegung setzt und über den Tisch hinweg durch meine Kammer segelt, beschließe ich vorsichtshalber, erstmal in der Koje zu bleiben…
 
Von Zeit zu Zeit meint man, ein rabiater Fußtritt eines Riesen trifft unser Schiff von der Seite, es gibt einen Schlag mit einem hässlichen metallisch scheppernden Geräusch, plötzlich hält der Frachter inne und erzittert, um sich dann klappernd und rüttelnd in das nächste Wellental zu stürzen und die Berg- und Talfahrt beginnt erneut. Dauernd scheppert und knirscht irgendwo etwas im Schiff, der Wind orgelt um die Aufbauten und am Montag ist es fast unmöglich, sich aufrecht fortzubewegen. Ich gebe es dann auch auf und beobachte von meiner Koje die auf uns zurollenden Wellenberge, ein gigantischer Anblick von so weit oben…aber auch ein erhebendes Gefühl, das so manches Problem an Land lächerlich erscheinen lässt, hat man einmal gesehen, wie angreifbar der Mensch eigentlich gegen die Naturgewalten ist.
 
Am späten Montagabend laufen wir mit sechzehnstündiger Verspätung in die Bucht von Cork ein, die Bewegungen der „John Mitchell“ nehmen abrupt ab und ich wage wieder einen Gang an Deck. Mit noch etwas wackeligen Knien beobachte ich bei nun leichtem Schneetreiben die faszinierende Fahrt auf dem schmalen River Lee.
 
 
 
Containerhafen von Cork bei Nacht
 
Von den Hängen am Ufer glitzern die Lichter der irischen Ortschaften Cobh und Monkstown. Cork liegt weit flussaufwärts und der Containerhafen ist – entgegen der sonstigen Gewohnheit – ganz am Ende angesiedelt, fast vor den Toren der 120.000-Einwohnerstadt. Auf den Küstenstraßen sieht man die Scheinwerfer der Autos, die Landschaft im Süden Irlands hat einiges zu bieten.
 
Am späten Abend falle ich ziemlich ermattet in die Koje, als kurz vor Mitternacht noch das Telefon im meiner Kabine klingelt. Der Chiefmate ist dran, ich muss auf die Brücke kommen. Was ist denn nun passiert…etwas beunruhigt ziehe ich mich wieder an und steige die drei Stockwerke hoch. Oben begrüßt mich per Handschlag eine höfliche blonde Angestellte des irischen Zolls und fragt mich nach meinem Beweggrund für diese Reise. Ich bin zwar verwundert, erkläre ihr es aber möglichst ausführlich. Damit gibt sie sich dann auch zufrieden und entlässt mich wieder nach eingehender Lektüre des Reisepasses, in dem doch so einige Visa exotischer Länder zu finden sind.
 
Am nächsten Morgen traue ich meinen Augen kaum: Das Wetter ist wiederum um 180 Grad verändert – ein blauer Himmel und strahlender Sonnenschein laden zu einem ausgedehnten Landausflug ein. Kaum zu glauben, dass wir gestern noch im Hexenkessel vor der irischen Küste im Schneetreiben gegen die Naturgewalten kämpften.
 
 
 
Küstenstrasse bei Cork mit Regenbogen
 
Nachdem ich das ausgedehnte Frühstück mit Spiegelei und Speck in der menschenleeren Messe mit wiedergekehrtem Appetit genießen kann, hole ich mir meinen Pass von der Brücke und laufe los. Eine malerische Küstenstrasse führt direkt ins Zentrum von Cork, vorbei am Bahnhof und Rathaus der Hauptstadt des Bezirkes County Cork. Cork ist die zweitgrößte irische Stadt und bekannt für die Butterproduktion sowie als Sitz der Zentrale des Computerherstellers Apple.
Nach fast sechs Stunden Erkunden der Umgebung kehre ich in den Hafen zurück, wo die „John Mitchell“ noch lädt. Keinerlei Wachen gibt es hier, von ISPS scheint niemand etwas gehört zu haben. Ich biege direkt von der Küstenstraße in den Hafen ab und kann ungesehen überall herumlaufen.
 
Abends berichte ich beim gemütlichen Dinner in der Offiziersmesse von meinem Landausflug, bevor unser Kapitän gegen 20 Uhr schon wieder die Brücke aufsucht, um das Auslaufmanöver vorzubereiten – gegen 21 Uhr wirft die „John Mitchell“ die Leinen los, Ziel Antwerpen.
Vorsichtshalber habe ich mich wieder mit Schwarzbrot und Wasser eingedeckt, falls das Aufsuchen der Messe wieder zu einer akrobatischen Nummer mutieren sollte, jedoch bin ich nach dem Erwachen am nächsten Morgen irritiert – irgendetwas fehlt. Ruhig zieht unser wiederum wenig beladene Frachter seine Bahn, im ersten Moment denke ich, wir sind noch gar nicht ausgelaufen. Draußen geht gerade die Sonne auf, als wir die Inselgruppe der Scillys passieren, mit Wind aus Südwest der Stärke 3.
 
Ich glaube es kaum, nicht zu fassen nach den Tritten, die das Schiff vor zwei Tagen hier noch eingesteckt hat. Lediglich ganz kleine Schaumkronen aufwerfend, liegt der Ausgang des Englischen Kanal sanft atmend vor uns – von Sturm keine Spur mehr und es ist auch wieder möglich, die Kamera gerade zu halten und eine vernünftige Aufnahmen zu schießen.
 
Nach einem schönen, hellen herbstlichen Tag an Deck steuern wir am nächsten Morgen bei Niedrigwasser die Schelde hoch, vorbei an den gigantischen Raffinerieanlagen bei Terneuzen und den Hochhäusern von Vlissingen. Hinter der Einfahrt des Gent-Kanals beginnen die Binnenschiffe um die „John Mitchell“ herumzuwuseln, die enge, kurvenreiche Schelde erscheint mir nautisch ziemlich anspruchsvoll. Ich frage mich, wie sich hier zwei Containerschiffe begegnen, die ein Vielfaches der Tonnage der John Mitchell haben.
Gegen 14 Uhr erreichen wir an diesem Donnerstag das Nordzeeterminal direkt an der Schelde und eine Stunde später beginnen die Containerbrücken, uns um unsere Ladung zu entledigen. Abends verholt das Schiff noch einmal zu einem stadtnahen Liegeplatz, bevor wir gegen 22 Uhr Antwerpen wieder verlassen und diese abwechslungsreiche Novemberreise am nächsten Morgen in Rotterdam am APM-Terminal für mich beendet ist.
 
 
Sandstrand am Hoek van Holland
 
 
Manövrieren im Hafen von Rotterdam
 
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